Clickertraining gleich Kindergeburtstag?

10. April 2016

Ich und mein 20-jähriger Wallach Chirac
Ich und mein 20-jähriger Wallach Chirac

Ein Kursbericht über die positive Verstärkung mit Marlitt Wendt

Samstag morgen 9.30 Uhr. Eine wie immer herzlich gestimmte Marlitt Wendt kommt lachend und mit Sonne im Gepäck auf unserem Reitplatz an. Ich habe mich sehr auf diesen Kurs mit Marlitt gefreut, nachdem er im letzten Jahr nicht bei uns stattfinden konnte, aufgrund einer zu geringen Teilnehmerzahl. Bereits im vorletzten Jahr hatte ich das Glück, Marlitt auf einem Kurs kennengelernt zu haben und die dort begonnenen Themen (es ging zunächst bei mir und meinem Wallach hauptsächlich um die Höflichkeit) in einer ausnahmsweise-Einzelstunde zu vertiefen mit ihr.

Nach und nach trudeln auch die von weiter hergereisten Teilnehmer mit und ohne Pferd ein. Die Stimmung war heiter und alle waren gespannt auf den Inhalt der kommenden zwei Tage. Während unserer ersten Theorieeinheit mit Marlitt, genossen die Gastpferde in den von uns vorbereiteten Paddocks ihr Heu. Schnell stellte sich raus, dass sich hier die Überschrift „Individualkurs – Positive Verstärkung“ bestätigt hat, da viele unterschiedliche Pferde mit unterschiedlichen Pferd-Mensch-Charakteren und Clickerleveln teilgenommen  haben.

Der Samstag war eine Hinführung zum Thema positive Verstärkung.  Marlitt erklärte uns aus verhaltensbiologischer Sicht die Vorteile der positiven Verstärkung, Schwierigkeiten dieser Methode sowie die Basics des Clickertrainings (Futterübergabe, Targetnutzung und Höflichkeitsregeln zwischen Pferd und Mensch, Konditionierung des Clickerns ohne aus der Hand zu füttern, Belohnen beim Reiten mit Hilfsperson, „positionsfüttern“ positive Verstärkung unter Berücksichtigung der Biomechanik).

Ein weiteres Thema, was Marlitt so sehr am Herzen liegt wie mir, ist dass die Pferdebesitzer in ihrer eignen Wahrnehmung auf Stressverhalten beim Pferd geschult werden. Dieses Thema ist gerade in der Methode der positiven Verstärkung von so großer Bedeutung, weil die Pferde bei der der Belohnung mit Futter in den gleichen Erregungszustand gelangen können, wie der des Sexualtriebes. Andersrum kann es genauso gut zu Frust führen, weil die Pferde keine Idee haben, welche Aufgabe sie wie erfüllen sollen bzw. deshalb eine nicht ausreichend hohe Clickerrate vorhanden ist. Hier gilt es die körperlichen Signale der gestressten Pferde zu erkennen und entsprechend reagieren zu können.

Marlitt hat hierzu eine großartige Übung mit uns Menschen gemacht, in denen jeder Teilnehmer einmal Pferd sein sollte und ein anderer der Marker (= der Signalton z.B durch einen Clicker oder einen Mundlaut). Das „Pferd“ musste sich kurzeitig entfernen, damit der „Markerer“ den anderen Teilnehmern laut seine auserwählte Aufgabe sagen konnte, welche das Pferd gleich erfüllen sollte z.B Hände hinter den Kopf halten. Dann kam das Pferd zurück und der Marker fing an alle Bewegungen, die das Richtige Ziel andeuteten zu „erclickern“. Hier wurde allen Teilnehmern ganz schnell deutlich, was für eine hohe Konzentration der „markerer“ haben muss, wie schnell das „Pferd“ frustriert sein kann, weil es nicht weiß was es noch alles ausprobieren kann um an das Ziel zu gelangen und welche Wirkungen Ablenkungen von außen  (Geräusche, andere Pferde, andere Menschen etc.) haben können.

Eine andere Form des Stresses lässt sich auf die Überschrift dieses Textes zurückführen. Marlitt hat hier den anschaulichen und gut nachzuempfindenden Vergleich des Kindergeburtstages gehabt. Meist ist das Geburtstagskind an seinem Geburtstag selber sehr weinerlich und/oder Aufgeregt. Dies entsteht dadurch, dass eine Menge Reize in Form von „Highlights“ auf das Kind (es gibt vieles, was es sonst nicht gibt für das Kind an einem Tag in „geballter“ Menge und Intensität)einwirken. Kommt nun noch das beliebte Geburtstagsspiel des Topfschlagens wortwörtlich ins Spiel, kann die Stimmung schlagartig in Frust übergehen. Denn das besagt Heiß/ kalt-Spiel (positiv und negativ verstärkt) kann bei zu viel negativ Verstärkung („kalt“) den Frust hervorrufen. Auf unsere Pferde übertragen bedeutet dies für uns Menschen, die Anforderung so niedrig wie möglich zu halten und die positive Verstärkung so hoch wie möglich, damit sich schnell erste (Zwischen-)Ziele einstellen können und kein Frust zustande kommen kann.

Was mir persönlich wieder besonders bewusst gemacht worden ist von meinem „Puscheltier“, dass die beste Methode nichts bringt, wenn wir uns inkongruent und/oder ambivalent verhalten gegenüber unseren Tieren. Ich kann dann noch so viel Belohnen und positiv verstärken, aber wenn mein „Energie-Modus“ kein „Trabmodus“ ist, sondern ein „Schrittmodus“, kann ich von meinem Pferd nicht verlangen, dass es neben mir her trabt. Und gerade, wenn spürbar wird das bei meinem Pferd oder/und mir Frust aufkommt, nicht in einen Frustkreislauf zu verfallen oder ihn gar „vertuschen“, sondern nötigen falls die Situation kurz zu verlassen und in eine körperliche Entspannungseinheit (TTouch, Schwingungsübungen, Energiearbeit) für Pferd und/oder Besitzer übergehen.

Es war ein für mich rundum gelungenes Kurswochenende, an dem mir wieder deutlich wurde, dass Clickern eine Methode ist, die genauso gekonnt (wenn nicht sogar besser) sein muss, wie alle anderen Methoden des Pferdetrainings, damit es nicht zu gestressten und frustrierten Pferden und Besitzern kommt.

Liebe Marlitt, schön dass dein Pferdeherz genauso groß ist wie meins und du auf die wichtigen Faktoren wie Stressverhalten bei Pferden genauso viel wert legst wie ich. Ein Glück, dass die Pferdewelt dich hat. Bis hoffentlich bald.

http://www.pferdsein.de (Marlitts Homepage)

Ein Dank geht natürlich auch an die Teilnehmer, ohne die der Kurs nicht zustande gekommen wäre und es nicht so schöne Impulse und Inspirationen gegeben hätte.

Schön, dass ihr alle da wart und wir so einen  entspannten Kurs hatten mit euch und euren Pferden.

Eure Anna

„You can be the change“